Weckruf

„Bald haben wir keine vernünftigen Gesellen mehr!“

Ich habe lange überlegt womit ich diesen Beitrag beginne.

Mit einem Vorwurf oder den Tatsachen?

Ich habe mich für eine Aussage eines Elektrikermeister entschieden, die er vor ca. 2 Jahren auf einer Baustelle zu mir sagte.

„Jens in ein paar Jahren gibt es auf dem Arbeitsmarkt keine richtig ausgebildeten Gesellen mehr. Dann kannst du fast selber entscheiden für welchen Stundenlohn du Arbeiten ausführst oder die Gesellen geben dir den Stundenlohn vor für den du ihn einstellst.“

Wie recht er behalten sollte und wie akut es derzeit tatsächlich ist, merke ich gerade zu gut!!!!

 

Neue Maler- und Lackierergesellen gibt es dieses Jahr wenige!

Über die Meisterpflicht in Deutschland wird diskutiert.

Auf der langen Suche nach Angestellten ist mir aufgefallen, die Ausbildung zum Malergesellen ist derzeit eine Katastrophe!

Wem sollen wir da die Schuld in die Schuhe schieben?

Dem Azubi, der keine rechte Lust auf eine wertige Ausbildung in einem körperlich beanspruchenden Handwerksberuf hat?

Dem Ausbildungsbetrieb mit seinen unternehmerisch geführten, digitalisierten Strukturen und Abläufe auf Umsatz und gesetzlich vorgebenen Gewinn? Eventuell einer Spezialisierung auf den Aussenbereich, Fassadensanierung und Wärmedämmschutz, in denen der baldige Geselle nicht mal die Möglichkeit hat eine Innenraumgestaltung live auf der Baustelle zu sehen. Sondern auf einer überbetrieblichen in einer 2×2 Meter Kabine das Tapezieren oder auf einer 1,00 Meter-Platte das Lackierern zu üben. Das ist die negative Seite eines spezialisierten Handwerkerbetriebes!

Oder liegt es an den Bildungsträgern, die ihre Prüflinge mit zwei zugedrückten Augen gerade so durch die Prüfung lassen, damit überhaupt Gesellen auf den Arbeitsmarkt nachrücken?

Abschied von der großen Vielseitigkeit des Malerhandwerkes

Von dem Gedanken, dass ein Geselle einen Bodenbelag verlegen kann oder geschweige denn eine Tapete ( Vlies- oder Mustertapeten) gerade an die Wand bekommt, habe ich mich schon verabschiedet! Mitdenken oder selbständig Arbeiten…haha!

Ich habe in den letzten Monaten meiner Suche viel erlebt:

  • Anfahrt zur Betriebsstätte über 25 km, nicht denkbar für einen Gesellen
  • „Wenn Arbeit doch bitte nur in oder um Oldenburg,“ so ein Geselle
  • Auf Nachfrage warum die Gesellin nicht zum vereinbarten Probearbeiten erschien sagte diese: „Ich hab es mir anders überlegt, ich gehe jetzt studieren.“
  • eine schriftlich Bewerbung für eine Stelle hatte ganze 2 Seiten in einem Briebumschlag: Lebenslauf mit diversen Arbeitgebern und das Anschreiben war ein 3 Zeiler
  • „Eine Arbeitszeit von 39 Stunden die Woche ist für mich undenkbar, da meine Hobbies mich zeitlich so in Anspruch nehmen!“

Früher gab es noch den Brauch des Lehrgeldes! Sollte dieser Brauchtum rückwirkend wieder eingeführt werden, würden viele Handwerker und Handwerksmeister verarmen.

Hier mein Aufruf an die vielen Handwerkskolleginnen und -kollegen, den Innungen, den Handwerkskammern und der Politik:

„Das Maler- und Lackiererhandwerk ist so vielseitig, macht es bitte, bitte nicht kaputt und nehmt uns nicht die Meisterpflicht!“

 

 

 

 

 

4 thoughts on “Weckruf

    • Ich würde diese Aussage gerne mit Argumenten dementieren, kann ich aber leider nicht! Im letzten Jahr hatte ich kurz Hoffnung bis zum bitteren Erwachen zum Ende des Jahres.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.